Montag, 14. Oktober 2013

Rede: fiktive Gerichtsrede zur Schuldfrage in Georg Büchners Woyzeck



Das Drama "Woyzeck"von Georg Büchner beschreibt die Geschichte des einfachen Soldaten Franz Woyzeck. Er ist schwer vom Leben gezeichnet und bringt seine Freundin Marie um. Affekt oder schwerwiegende Strafe ? Ich habe bewusst den Inhalt äußerst knapp gehalten und werde im folgenden eine fiktive Gerichtsrede vorlegen, die sich genau mit Woyzeks Schuldfrage auseinandersetzt.


Hohes Gericht, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Eine stabile Persönlichkeit mit einem stets freundlichen Gemüt, so beschreibt der zuständige Gutachter die Gesundheitssituation meines Mandanten. Darf dieser Befund angezweifelt werden?

Ja, er ist anfechtbar.

Ja, er beruht auf Dubiosen Methoden.

Ja, er ist schlicht weg falsch.

Aber warum ? Warum rolle ich diesen von seitens der Staatsanwaltschaft doch so klaren wie eindeutigen Fall noch einmal auf? Nun, zum einen stand das Urteil schon lange vor der eigentlichen Verhandlung fest. Schuldig in allem Punkten. Doch diese Entschiedenheit der Anklage macht die Verteidigung besonders stutzig. Nicht nur vage Vermutungen im Tathergang, nein auch die Tatsache, dass man wenigstens von Schiebung seitens des Gutachters sprechen darf, macht eine Verurteilung schwer, ja gar zweifelhaft und völlig unmöglich.

Doch konzentrieren wir uns, Hohes Gericht, werte Anwesende, doch noch einmal auf meinen Mandanten. War Herr Woyzeck eine Person niederen Standes und galt sowieso als unglaubwürdig? War Herr Woyzeck gezielt gedemütigt wurden, von seiner Frau, von einzelnen, von der Gesellschaft im Allgemeinen? War nicht dieses menschenunwürdige Experiment der einzige Weg für sich selbst, für seine Exfrau und nicht zuletzt für seinen über alles geliebten Sohn menschenwürdig zu sorgen?

Die Antworten sind klar und eindeutig: Ja, so war es. Ja, solche Hintergründe spielen in diesem Fall auch eine entscheidende Rolle. Ja, wir müssen bei der Urteilsfindung hinter die Fassade dieses Mannes blicken, seine komplex ausweglose Situation genauer beleuchten.

Doch wie reagieren Freunde, Kollegen, Außenstehende auf dieses bedauernswerte, leidende Dasein meines Mandanten? Sie tolerieren es nicht nur, sie demütigen, sie werden gewaltsam gegen Woyzeck. Sie, die angeblich Vertrauten meines Mandanten, machen sich schuldig. Sie sind die wahren Täter, die wahren Verbrecher. Doktoranten, die mit pseudowissenschaftlichen Erklärungen des Doktortitels unwürdig sind. Kollegen, die keine Skrupel kennen und Freunde, die statt zu helfen und unterstützen, nur feige die Augen schließen.

Das erste Gutachten eines sogenannten Mediziners, welches damals bereits angezweifelt wurde, wird kurz darauf von dem gleichen Mediziner in einem nicht sinnentstelltem Kontext noch einmal verfasst und heute hier als glaubwürdiges Indiz von der verehrten Staatsanwaltschaft als heiliger Gral zur Rechtfertigung der Exekution vorgelegt. Welch eine Blamage, welch eine Schmach, welch eine Schande.

Der Angeklagte Franz Woyzeck ist aufgrund von freiwilliger finanzieller Unterstützung seiner Frau und seines Sohnes und schlechter Bezahlung seines Arbeitgebers auf mehrere Arbeiten und Nebenverdienste angewiesen. Durch den monatelangen Verzehr von Erbsen wurde mein Mandant in den sicheren Wahnsinn getrieben, der sich in Halluzinationen und Wahnvorstellungen bis hin zu inneren Morddrängen äußerte. Doch sein sogenannter Arzt schaut wie selbstverständlich dem makaberen Treiben zu. Welch eine Perversion der Menschlichkeit.

Doch nicht nur das, meine Damen und Herren, er hat Gefallen an diesem morbiden Schauerspiel zu Lasten der Gesundheit meines ehrenwerten Mandanten. Hier wird das Opfer zum Täter stilisiert.

Doch nicht nur das, hohes Gericht wehrte Anwesende, seine über alles geliebte und gleichzeitig einzig Vertraute Marie, für die Woyzeck sein Leben opferte, enttäuschte ihn beispiellos. Sie hinterging ihn skrupellos und trug damit entscheidend zur instabilen Verfassung meines Mandanten bei.

Doch nicht nur das, hohes Gericht, der eigentliche Tathergang weißt noch immer Lücken auf. So ist beispielsweise die Tatwaffe, das besagte Messer, nie als Beweisstück aufgetaucht, nie gefunden wurden. Die Anklage verlautet hier eine penibel geplante Tat, einen hinterhältigen Mord.

Dies ist genauso erlogen wie lächerlich zugleich. Die Tatwaffe soll im Nachhinein beseitigt wurden sein und mögliche Spuren seien verwischt wurden. Wenn dies schon so gewesen wäre, bleibt die Frage nach der Planung der angeblichen Mordtat. Kann von penibler und hinterhältiger Tat gesprochen werden, wenn die Waffe erst im Nachgang entfernt wurde und der Täter noch einmal an den Ort des Verbrechens zurückkehrt? Oder muss dann nicht eher von einer Verzweiflungstat im Affekt gesprochen werden? Ein hinterhältiger Mörder, wie es mein Mandant sein soll, plant, er analysiert, er geht mit Präzision und Genauigkeit vor. Die Anklage hingegen spricht von diesem hinterhältigen Mörder, doch die Realität sieht anders aus. Eine Tat im Affekt mildert das Urteil. Eine Tat in diesem gesundheitlichen Zustand des Herrn Woyzeck mildert das Urteil. Eine Tat ohne Indiz, die in einem Geflecht von Vermutungen und vagen Theorien verworren bleibt, mildert das Urteil.

Die Täter sitzen mitten unter uns, nicht auf der Anklagebank hohes Gericht, mitten unter uns. Auf Grundlage von vagen Konstruktionen kann und darf keine Tat zur Rechenschaft gebracht werden. Die Verteidigung plädiert im Sinne der Anklage für nicht schuldig. Nicht schuldig, da Gutachten offenkundig manipuliert wurden, Demütigungen durch denunzierende Doktoranten, Unterdrückung einer instabilen Persönlichkeit und die mangelnde Unterstützung der Gesellschaft bei schweren psychischen Problemen meines Mandanten, die auf geistige Umnachtung und daher die vollste Unzurechnungsfähigkeit schließen müssen.

Die Täter sitzen mitten unter uns, nicht auf der der Anklagebank hohes Gericht, mitten unter uns.

-In dubio pro reo.-

Vielen Dank.

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