Montag, 24. März 2014

Essay: Die Katholische Kirche und die Friedliche Revolution 1989

Die Friedliche Revolution von 1989 hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn nicht die Kirchen Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit aus ihrem christlichen Selbstverständnis der Nächstenliebe heraus gepredigt hätten. An diesem Wunder der Geschichte waren aber mehrere Akteure verantwortlich. Neben den evangelischen Kirchen, deren Rolle bereits im Vortrag ausführlicher erwähnt wurden, legt diese Arbeit die Rolle der katholischen Kirche dar.  Doch zunächst soll kurz die Ausgangssituation nach 1945 beleuchtet werden. 
Mit der Kapitulation endete die totalitäre Herrschaft der Nationalsozialisten am 9. Mai 1945. Mit diesem Vorgang verlieren allerdings nicht alle bestehenden Gesetze ihre Geltung. Über das Weiterbestehen oder den Wegfall entscheiden vielmehr die Siegermächte. Im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 werden die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geklärt, auf dessen Grundlage die Siegermächte arbeiten. Für die Katholische Kirche stellt die Kapitulation 1945 sicher einen weniger dramatischeren Einschnitt dar als für Deutschland insgesamt dar. Jedoch galt das Verhältnis zwischen deutschen Katholiken und den Besatzern als angespannt. Vom Vatikan wird daher entsprechend der Forderung der USA ein amerikanischer Bischof als Mittler zwischen Kirche und Besatzungsmächten ernannt. Während Bischof Muench in den westlichen Zonen reisen kann, um sich über die Situation vor Ort informieren zu können, wird ihm die Einreise in die sowjetische Zone nicht gestattet. 
Die Reformation des Jahres 1517 und der Name Martin Luther sind gerade für das Gebiet der ehemaligen DDR wichtig, da die ersten Reformationsbewegungen in Wittenberg ihren Anfang nahmen. Draus resultiert aber auch, dass die katholischen Christen in der Deutschen Demokratischen Republik stets in der Minderheit waren und dies bis zum heutigen Tage auch noch sind. Nur sogenannte katholische Enklaven im Eichsfeld und in Teilen der Lausitz bilden eine Ausnahme. Erst im frühen 20. Jahrhundert siedelten sich vermehrt katholische Christen aus den Gebieten Böhmen und Schlesien in die mitteldeutschen Gebiete an. Durch Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Gebieten konnte im Jahr 1946 ein Anteil von 12,2 Prozent Katholiken an der Gesamtbevölkerung registriert werden. Die Situation der Vertriebenen war extrem angespannt und prekär. 
Der Verlust der Heimat sowie der Abbruch altbekannter Traditionslinien stellten gerade katholische Christen vor immense Herausforderungen, welche sich nicht zuletzt in der Übersiedelung in den Westen Deutschlands bis zum Jahr 1963 bemerkbar machte.  So wird zum Jahre 1964 von einem Anteil von 8,3 Prozent Christen mit einem katholischen Glaubenshintergrund an der Gesamtbevölkerung der DDR ausgegangen. 
Die katholische Kirche gliedert staatliche Gebiete in kirchliche Verwaltungsbereiche, sogenannte Bistümer. Diese Unterteilung wurde schon weit vor dem Mauerbau vorgenommen. Dies führte jedoch zu mehreren Herausforderungen, welche durch die kirchliche Administration behoben werden musste.  Allein die Bistümer Berlin und Meißen, welches später zum Bistum Dresden - Meißen wurde, befanden sich nach Kriegsende auf dem Gebiet der SBZ bzw. der später gegründeten DDR. Die Bezirke Erfurt, Magdeburg, Schwerin und Görlitz waren durch die Grenzziehung von ihren Mutterbistümern isoliert. Die Bistümer Osnabrück, Paderborn, Fulda und Würzburg lagen auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszone , andere fielen an den Staat Polen. 
Auch die katholische Kirche und ihre Mitglieder wurden sehr rasch mit der neuen Kirchenpolitik der SED konfrontiert. Der entschiedene Antifaschist Konrad Karl Graf von Preysing wurde 1946 zum Kardinal erhoben. Durch seinen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime wird er sowohl von den westlichen Alliierten als auch, zumindest anfänglich, von den sowjetischen Besatzungsmächten akzeptiert und verfügt über einen sehr guten Kontakt zu Papst Pius XII. Da Muench die sowjetischen Besatzungszonen nicht besuchen kann, läuft der Kontakt zwischen Rom und den deutschen Geistlichen maßgeblich über Kardinal von Preysing. Er versuchte, wenn auch mit nur mäßigem Erfolg, gegen die ideologischen Vereinnahmungen der Kommunisten einen Kurs der Abgrenzung und Konfrontation entgegenzusetzen. Sein Erlass aus dem Jahre 1947, der dem Klerus jede öffentliche politische Stellungnahme untersagt, blieb noch bis zum Ende der DDR erhalten. 



Der Erlass ist auch unter dem Namen „Döpfner - Erlass“ in der geänderten Fassung aus dem Jahre 1957 bekannt: „ Nur die Gesamtheit der Bischöfe Deutschlandes ist berechtigt, Erklärungen zu Zeitfragen im Namen der katholischen Kirche Deutschlands abzugeben. Für den Bereich seines Bistums ist in analoger Weise der Bischof zuständig, derartige Erklärungen abzugeben. Sollten seitens weltlicher Stellen von den meiner Jurisdiktion unterstehenden kirchlichen Dienststellen Erklärungen zu Zeitfragen eingefordert oder erbeten werden, die als Stellungnahme der katholischen Kirche gewertet werden könnten, so ersuche ich, mit dem Hinweis auf diesen Erlass und die ihm zugrunde liegende Rechtslage, eine solche Erklärung nicht abzugeben.“ 
Mit diesem Erlass wurde unweigerlich der Handlungsspielraum der katholischen Kirche in der DDR vergrößert, denn politische Äußerungen sind nur noch durch den jeweiligen Bischof beziehungsweise den deutschen Episkopat möglich. Dies führte zu einer Geschlossenheit der Katholischen Kirchen gegenüber den ostdeutschen Machthabern. Die klare Trennung von kirchlichen Angelegenheiten und weltlichen Angelegenheiten musste in dieser Form wohl auch auf Zustimmung seitens der SED gestoßen sein. Rückblickend lässt sich Erich Honecker gern mit seinem Credo Gebt der Kirche, was der Kirche gehört, und dem Staat, was dem Staat gehört zitieren.
Ein weiterer Schritt der Distanzierung wird am 1. Juli 1949 von Seiten des Heiligen Stuhl durch das Dekret des Heiligen Offiziums, welches allen Katholiken die Mitgliedschaft in kommunistischen Parteien, Organisationen und Jugendverbänden untersagt, gesetzt. In dem Dekret wird erklärt, dass der Kommunismus materialistisch und christenfeindlich ist und die kommunistischen Führer durch ihre Lehre und ihr Handeln erbitterte Feinde Gottes sind. Nach dem Tod von Kardinal Konrad Graf von Preysing im Jahre 1950 verfolgte der aus Magdeburg kommende Bischof Julius Weskamm eine zurückhaltender Linie. Sein Handeln blieb dabei nicht ohne Konsequenzen und er konnte wichtige Teilerfolge wohlwollend zur Kenntnis nehmen. So wurde im Jahre 1951 der katholische St. Benno - Verlag zugelassen und im Juni 1952 die Einrichtung des Philosophisch - Theologischen Studiums in Erfurt. 
Hierbei handelte es sich um ein Priesterseminar, welches die Rekrutierung von Jugendlichen und jungen Erwachsen in die katholische Kirche gewährleisten sollte. 
Doch die Repressionen der Staatsmacht der DDR machten auch vor der katholischen Kirche keinen Halt. Der 17. Juni 1953, der Volksaufstand der DDR, verlief blutig und forderte viele Tote und Verletzte. Die katholische Kirche als Institution trat kaum in Erscheinung. Der  Anteil katholischer Jugendlicher war aber bemerkenswert hoch. 
Die Einführung der Jugendweihe als staatliche Alternative zur Kommunion bzw. Konfirmation im Jahr 1955 war eine weitere Zensur in der Kirchengeschichte. Die katholische Kirche bestand mit Nachdruck auf der Unvereinbarkeit zwischen dem katholischen Bekenntnis und mit der Jugendweihe und fand danach auch bei den Gemeinden einen stärkeren Rückhalt als bei der evangelischen Kirchenleitung, nicht zuletzt durch das bereits erwähnte Dekret. 
Die DDR änderte während ihres Bestehens die Verfassung drei mal. In jeder Fassung wurde die Religionsfreiheit positiv erwähnt. Eine Trennung von Kirche uns Staat sollte stets berücksichtigt werden. Soweit die Verfassungsnorm, die Verfassungswirklichkeit ist aber eine andere. Durch Dokumente und Zeitzeugenbefragungen ist eine Diskrepanz zwischen Empirie und Theorie zu erkennen.  Gerade katholische Jugendliche mussten häufig mit Nachteilen in der Schule leben, da viele die aktive Teilnahme an Fahnenappellen und Jugendorganisation wie beispielsweise der Freien Deutschen Jugend (FDJ) verweigerten. Weiterhin wurde die finanzielle Grundlage der Kirchen weitgehend entzogen, da Kirchen nun eigenständig die Kirchensteuer einbeziehen mussten. Die katholische Kirche war hier privilegierter, da sie mit der Unterstützung durch Kollekte und von Seiten der Bundesrepublik rechnen konnte. Jedoch wurden auch die evangelischen Kirchen von bundesrepublikanischen Kirchen unterstützt. 
Die besondere Rolle Berlins brachte es mit sich, dass auch der Nachfolger von Bischoff Weskamm Julius Döpfner den Vorsitz der Berliner Ordinarienkonferenz, der früheren Ostdeutschen Bischofskonferenz, übernahm. Dieser Aspekt verschärfte die ideologische Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und dem SED - Staat. Infolge dessen wurde die Bewegungsfreiheit von Herrn Döpfner auf das Territorium der DDR, Ost - Berlin, eingeschränkt. Das führte nach seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising dazu, dass bewusst ein Nachfolger aus der DDR zum neuen Bischof Berlins gewählt wurde. 
Der Mauerbau vom 13. August 1961, der sich in diesen Tagen zum 52. Mal jährt, war das entscheidende Thema von Bengschs Amtszeit. Der Berliner Bischof konzentrierte sich vornehmlich auf die Aufrechterhaltung der Einheit des Berliner Bistums sowie der kirchlichen Einheit im geteilten Deutschland. Diese besondere Situation brachte es mit sich, dass Bischof Bengsch weitgehende Zurückhaltung bei der Stellungnahme gegen die Politik der SED. Andererseits wollte er keinen kirchlichen Pluralismus praktizieren, sondern war um eine einheitlich auftretende katholische Kirche bemüht. Hier entstand ein weiterer kritischer Punkt. Viele seiner Mitbischöfe sahen in dieser autoritären Haltung eine Gefahr und es kam zu Spannung innerhalb der Kirche.  Bischof Bengsch, der 1967 zum Kardinal erhoben wurde, sah sich auch international isoliert. Papst Paul VI., der auf einer Anerkennung der DDR bestand, erschwerte das Ziel nach einer kirchlichen Einheit Berlins. Doch nicht nur der Papst erschwerte die Bestrebungen des Kardinals. Die neue Ostpolitik unter Willy Brandt und der sozialliberalen Koalition in Bonn mit dem Credo Wandel durch Annäherung waren mit den Zielen des katholischen Kardinals nicht vereinbar. 
Die Errichtung der selbstständigen Berliner Bischofskonferenz (BBK) 1976 war der erste Schritt zu der von Papst Paul VI endgültigen Trennung der Bistümer der DDR gegenüber denen der Bundesrepublik. Diese Pläne wurden jedoch aufgrund des Todes des Papstes nie realisiert. Sein Nachfolger Papst Johannes Paul II. revidierte diese Zielsetzung. 
Der polnische Papst kam zu einer realistischerer Einschätzung der kommunistischen Kirchenpolitik, auch wegen seiner Herkunft. Papst Johannes Paul II. hatte einen enormen Einfluss auf katholisch Christen vornehmlich in Polen, aber auch auf die gesamte Christenheit gerade in der DDR. 
Die Achtzigerjahre waren für die katholische Kirche in der DDR ein Jahrzehnt der Entspannung. Dies resultierte aus dem wirtschaftlichen Verfall der DDR und der damit verbundene Wandel hin vom totalitären zum autoritären Regime.  Dieser Wandel begann schon in den Siebzigerjahren mit der Berufung Erich Honeckers zum Generalsekretär.  Zum anderen war der Überalterungs- und Schrumpfungsprozess der katholischen Kirche in der DDR unverkennbar und ging allmählich an die Substanz der Kirche. Das Dresdener Katholikentreffen im Jahre 1978 zeigte, in welchem Ausmaß sich die katholischen Gemeinden bei besonderen Anlässen mobilisieren lassen. Unter Kardinal Joachim Meißner, der ab dem Jahre 1980 in Amt und Würden gelang, bemühten sich die katholischen Führungsgremien wieder mehr um einen kollegialen Stil untereinander. 
Nichtsdestotrotz bemühte sich das Ministerium für Staatssicherheit immer mehr um eine operative Überwachung einzelner Mitglieder der katholischen Kirche der DDR. Ähnlich zur evangelischen Kirche gelang es nicht, Entscheidungen zu manipulieren und die Kirchen zu instrumentalisieren. Dies wird bei den Katholiken noch deutlicher, denn eine starke Ritualisierung des Gottesdienstes hatte zur Folge, dass neue Gesichter schnell erkannt wurden. Ein weiterer Grund war die überschaubare Größe der Gemeinden. Im Gegensatz zu der evangelischen Kirche, die gerade Mitte der Achtzigerjahre an Mitgliedern bzw. interessierten Bürgern gewann, war die katholische Kirche stets unter sich. Das feste Zusammenstehen der Hierarchie und die Einbindung in die römische Weltkirche erwiesen sich dabei als wichtigste Faktoren der Widerstandsfähigkeit. Zum anderen, und hier wird die Ambivalenz deutlich, war der Einfluss der katholischen Kirche auf die Erneuerungsbewegung in der DDR sehr gering. Nicht zuletzt wegen ihrer selbstverordneten politischen Abstinenz. 
Im Juni 1989 wurde der bisherige Erfurter Generalvikar Georg Sterzinsky zum Bischof ernannt und im September geweiht. Viele katholische Gläubige traten an die Berliner Bischofskonferenz mit der Bitte, sich ähnlich wie die evangelische Kirche, mehr zu Wort zu melden. Gerade bei tagespolitischen Fragen, den wachsenden Problemen des Staates und der Ambition Forderungen an den Staat zu Stellen, vermissten viele Gläubige eine klare Stellungnahme seitens der katholischen Kirche. Allerdings engagierten sich zahlreiche katholische Laien in den verschiedenen Oppositionsgruppen und nahmen dort oft eine führende Stellung ein. Die Kirchenverwaltung der katholischen Kirche der DDR hielt es jedoch nicht für möglich, dass die Öffnung der Kirchen durch evangelische Pfarrer und Christen für politische Aktionen erfolgreich sein könnte. Hier wird aber auch das Selbstverständnis der katholischen Kirche deutlich: Die höchste Instanz für katholische Christen ist nicht innerhalb des Staates zu suchen, sondern ist stets Rom, die Ewige Stadt. Ein weiterer Grund ist in der Struktur der Berliner Bischofskonferenz zu suchen. Diese Konferenz traf sich nur in gewissen Zeitabständen und ihre Texte durchliefen meist einen längeren Entstehungsprozess und Äußerungen wurden nur einstimmig abgegeben. 
Eine knappe Äußerung stellte die veröffentlichte Protokollnotiz von der Vollversammlung der Berliner Bischofskonferenz am 4./5. September 1989 dar, in der die Bischöfe kurz auf die Ausreisepolitik eingehen und ankündigen, „diese Probleme und ihre Ursachen in Gesprächen mit staatlichen Stellen zur Sprache zu bringen.“ Weitgehende Forderungen werden aber nicht gestellt. Bischof Dr. Joachim Wanke aus Erfurt erläutert die Gesprächsnotiz in einem Interview am 12. September 1989 und geht dabei auf die Ursachen der Ausreisewelle ein und kritisiert die staatliche Politik. Daneben fordert er die Gläubigen auf, sich weiter vor Ort einzusetzen und hier ihre Aufgabe zu sehen: „ Ich glaube nicht, dass es Gottes Wille ist, dieses Land nur den Menschen zu überlassen, die Gott nicht kennen. Das bedeutet, dass wir von Gott Zeugnis geben, christliche Hoffnung verbreiten und in Geduld und Zuversicht und großer Treue Gott und den Menschen dien, und zwar hier wo wir leben, wohnen, arbeiten. Können wir da einfach von unserem Auftrag, hier und jetzt Kirche des Herrn zu sein, weglaufen, nur weil manches bei uns schwieriger geworden ist als anderswo ? Ähnlich äußerte sich auch Bischof Sterzinsky in einer Predigt am 24. September 1989: „ Gott haut uns hierher gestellt. Und wem es möglich ist, der soll bleiben. Denn wir dürfen Verantwortung nicht abwälzen ... Die Mängel, die manche beheben möchten, durch Verlassen des Landes, werden ja nur größer, wenn immer weniger Menschen für die berufliche und öffentliche Tätigkeit zur Verfügung stehen. Eine weitere Ausnahme war der Hirtenbrief vom 20. September 1989 von Bischof Johannes Braun, der in ungewohnt deutlichen Worten seinen Unmut über die Missstände in seinem Land kundtut und die Bürgerinnen und Bürger der DDR zum aktiven Handeln ermutigt.„ Eine Gruppe oder eine Partei, die von sich behauptet, sie habe immer recht, ist nicht dialogfähig, nicht fähig Reformen einzuleiten. Denn wo kein eFehler gemacht werden, dort kann auch keine Korrektur erfolgen. Ich bitte Sie, sich Gedanken zu machen, sich einzumischen. Teilen Sie mit Ihre Ängste, Ihre Hoffnungen, Ihre Wünsche, Ihre Nöte, Ihre Vorschläge mit! Ich ermutige Sie, in allen Gruppen Ihrer Pfarrgemeinde über die Dinge, die uns in diesen Tagen so unter die Haut gegangen sind, zu reden, um Ideen zu entwickeln und Vorschläge zu unterbreiten. 
Dieser Hirtenbrief stellt ein Zäsur zur bisherigen Vorgehensweise der Berliner Bischofskonferenz dar, wurde aber in weiten Teilen begrüßt. Der Zusammenbruch der DDR kam in den folgenden Tagen für alle DDR Bürger überraschen und stellte sie vor neue Herausforderungen. Im weiteren Verlauf der Geschichte zeigten viele katholische Laien Verantwortung und Courage bei der Moderation der Runden Tische, die maßgeblich für die Aufklärung des DDR Unrechtsstaates verantwortlich waren. Die Jahre 1989/1990 waren geprägt von Turbulenzen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Eine einheitliche staatliche Kirchenpolitik seitens der SED Machthaber war faktisch nicht mehr gegeben. Daraufhin sahen sich die katholische Kirche und auch evangelische Kirche mehr und mehr in eine Situation des Machtvakuums gedrängt und wollten aus dieser Position heraus einen neuen Staat mit aufbauen. Diese These wird noch deutlicher, wenn auf die Situation nach dem Mauerfall geblickt wird. Gesellschaftliche Oppositionsgruppen und bekannte kirchliche Vertreter übernahmen Verantwortung und moderierten die neu entstandenen Runden Tische.  Der Staat, die Regierung sowie SED Funktionäre verkannten die Zeichen der Zeit und waren nur noch um Schadenbegrenzung bemüht. Seit Oktober 1989 ist die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands nur noch mit sich selbst beschäftigt. 
Unter dem schützenden Dach der Kirchen, vornehmlich der evangelischen Kirche, konnten  sich Bürgergruppen und Bürgerinitiativen formieren. Die katholische Kirche tat sich hier schwerer, weil auch ihrer Strukturen, hierarchischer als in der protestantischen Kirche waren.  Der Pluralismus der katholischen Kirche, die vielen Stimmen auf einen Nenner zu bringen, erwiesen sich in dieser Zeit des Umbruchs als noch schwerfälliger. Auf diese rasch ändernde Situation konnte nicht flexibel genug eingegangen werden. Das die katholische Kirche trotzdem einen entscheidenden Beitrag für die Friedliche Revolution und die damit verbundene Wiedervereinigung Deutschlands leisten konnte, verdankt sie dem Vorgenenen Einzelner wie der ökumenisch angelegten Initiativen. So beziehen beispielsweise die evangelischen Kirchen die Katholische Kirche mit ein und schlagen eine gemeinsame Moderation der Runden Tische vor. 

Rückblickend stellte Bischof Georg Sterzinsky aus Berlin auf dem Berliner Katholikentag im Mai 1990 fest: „ Wir haben immer nein zur Kirche im Sozialismus gesagt und wir haben nein gesagt zu Bemühungen um eine Verbessrung des Sozialismus. Wir wollten den Sozialismus abschaffen.“ Und Bischof Josef Homeyer aus Hildesheim, der von 1971 bis 1983 Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz war, urteilte vor der SED - Enquete - Kommission des Deutschen Bundestages: „ Die katholische Kirche in Deutschland, die Bischöfe und die Repräsentanz der Laien (....) hat sich bei all ihren Schriften davon bestimmen lassen, die Teilung Deutschlands nicht hinzunehmen und ihren Beitrag zur kulturellen und politischen Einheit unseres Volkes zu leisten.“ Der Tenor dieser beiden Zitate ist ein durchweg positiver. Die Rolle während der Friedlichen Revolution wird als positiv beurteilt. Die politischen Abstinenz wird durch eine aktive Verweigerung und Ablehnung gegenüber dem Staat gewertet. Hier wird auch oft von einer nach Bischof Meisner zitierten Kritischen Distanz gesprochen. 
Der Weg der Katholischen Kirche war ein anderer Weg als der Weg der evangelischen Kirche.  Beide großen Kirchen hatten einen unbestrittenen Einfluss auf die historischen Ereignisse im November 1989. In Zukunft sollten wir immer wieder an diese beiden deutschen Diktaturen denken und daran erinnern. Jede noch so zweifelhafte Verstrickung der kirchlichen Würdenträgern und der politischen Klassen sollten uns nicht vergessen lassen, dass es charakterstarke und couragierte Christinnen und Christen, Bürgerinnen und Bürger, Widerstandskämpfer und Bürgerrechtler waren, denen wir ein Leben in Freiheit und Demokratie und Wohlstand verdanken können. 



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