Donnerstag, 13. März 2014

Standpunkt: Die Harald Schmidt Show. Eine Liebeserklärung.

Eine Ära geht heute Abend um 23:56 zu Ende und damit auch ein sehr bedeutender Teil meines Lebens. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, dass ich fern ab von politischen Themen und Serienkritiken heute persönlich werde. 

Es liegt mir dabei fern einen Nachruf auf den größten deutschen Late Night Champion zu versuchen. Es wäre auch nicht der Stil eines Harald Schmidts. Doch es ist durchaus angemessen,, sich mit dem Auf und Ab seiner Show auseinanderzusetzen. 

Ich selbst schaue die Harald Schmidt Show seit dem Jahr 2002, also die letzten Atemzüge auf Sat1 und die ganzen Wendungen hin zur ARD wieder zu Sat1 und schließlich zur Entertainmentplattform Sky Deutschland. Harald Schmidt hielt dem Fernsehen immer einen Spiegel vors Gesicht. Er machte sich lustig, wurde teilweise ernst, lachte über sich selbst, galt als legendärer Ossihasser und witzelte über Frauen, teilweise unter der Gürtellinie und verletzend, aber nie niveaulos. Es gehörte zur Figur Harald Schmidt, die sich nach und nach etablierte. Der Übergang zwischen dem echten Harald Schmidt und seiner Kunstfigur war schon immer ein fließender und ist für manche Medien noch heute nicht zu unterscheiden. So fiel die BILD Zeitung auf einen falschen Twitter Account rein, der die Zukunft Harald Schmidts im österreichischen Gebührenfernsehen sah. Alles falsch, aber diese Meldung schaffte es gar in die gedruckte Ausgabe der Zeitung. Die Menschen suchten BeständigkeitDie Harald Schmidt Show war von Anfang an so wie heute. Ob Harald Schmidt an diesem 13. März 2014 die letzte Show vor sich hat oder die erste Show moderiert - es macht keinen Unterschied und das kommt an. Die Show wurde zur allabendlichen Institution im deutschen Fernsehen. Der Rhythmus wurde eventuell verändert - von der täglichen Late Night zur dienstags bis donnerstags Late Night. Man musste auch nicht jeden Tag einschalten, aber er war immer da für uns Schmidt Junkies. Wir konnten uns auf den Entertainer verlassen und wer kann das schon von sich behaupten? Die Show ist dreigeteilt: Ein Stand Up schafft Aktualität und es werden auf ironisch sarkastische Weise, die Ereignisse des Tages zusammengefasst. 

Der zweite Teil beinhaltet Aktionen im Studio. Dabei kam es vor, dass Herr Schmidt eine gesamte Sendung mit dem Rücken zum Publikum moderierte, eine Show auf Französisch gesendet wurde - freilich ohne den Gast Barbara Schöneberger darüber zu informieren - ein Orchester in das Studio brachte und die Show der klassischen Musik widmete, mit einem schwarzen Bild sendete oder immer wieder bewusst die Grenzen des Mainstreams überschritt. Dabei standen Aktionen mit Playmobile Figuren im Vordergrund, die die ganzen Facetten des intelligenten und reaktionsstarken Entertainers zeigten. Seine Parodien von Adolf Hitler wirkten dabei erschreckend real, seine Persiflage auf das linke Kabarett vertreten durch einen Mann mit Pferdeschwanz als gelungenste Form der Realsatire, seine Spiele mit dem Publikum sind einzigartig und vielschichtig - stets mit der Portion Zynismus, die wir alle brauchten - in diesem Medium Fernsehen.  

Doch nicht nur die Interaktion mit den Menschen vor Ort, sondern auch sein kongenialer Partner und Side - Kick Manuel Andrack bedürfen einer Würdigung. Andrack war schon lange Redakteur im Team, doch der Wechsel vor die Kamera erwies sich für die Harald Schmidt Show als außerordentlich lohnenswert. Manuel Andrack verkörperte dabei den bodenständigen Gesprächspartner von Schmidt, der sich als intelligenter Moderator immer mehr einen Namen machte. Es waren Momente wie etwa die Tests von Regenjacken oder Kochen für Kinder, oder das Ziel, in jeder Sendung ein anderes Bier zu trinken, die die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Show nachdrücklich untermalten. Die Vielzahl der Aktionen und der Schmale Grad zwischen Feuilleton und Klamauk machten die Harald Schmidt Show zu einer einmaligen Sendung im deutschen Fernsehen. Die Etablierung von Begriffen wie GroKo und Nazometer sind Erfindungen der Show. Der schnelle Wechsel zwischen Politik und Kultur, zwischen Herrenwitz und FAZ- Kritik, zwischen Verachtung und Ausnahmetalent - Harald Schmidt polarisiert  noch heute.  Er lässt sich nicht in Formen oder Muster pressen. Er bleibt eine nicht fassbare Wundertüte, eine Lichtgestalt wie Franz Beckenbauer. Viele Menschen pilgerten ins Zentrum des Geschehens. Köln/Mühlheim. Schanzenstraße. Studio 449.  Jeden Showabend angekündigt von der charmanten Französin, in ihrem unvergleichbaren französischem Akzent. Brauchten andere TV Aufzeichnungen Warmmacher, so macht es hier der Chef persönlich. Die Dialoge mit dem Publikum vor der Aufzeichnung - das sogenannte Warm - Up - ist für viele ein (Haupt) - Grund die Show live zu erleben. Diese Spontanität ist ungeplant, frisch, frech und meist intensiver als die eigentliche Sendung. Der dritte Teil der Sendung ist das Gespräch mit dem Gast und Musik. Nur wenige Shows verfügen über so eine ausgezeichnete Band wie Harald Schmidt. Helmut Zerlett erweist sich als erfahrener Bühnenmensch und ebenfalls richtiger Partner im Team der Sendung. Die Gespräche mit aktuellen Gästen aus Politik, Medien und Kultur erwiesen sich als dankbare Aufgabe für den Late Night Champion. Legendäre Schlagabtauschs wie etwa mit Helge Schneider, Bastian Pastewka oder Jürgen von der Lippe. Alle drei sind Gesprächspartner auf Augenhöhe mit Schmidt. Die Gespräche trifteten schnell ab und das Publikum wurde oft nur Beiwerk bei einem lockeren Gespräch unter Freunden. Dabei immer brillant und rhetorisch überragend. Olli Dietrich als neuerer Side - Kick erwies sich dabei ebenfalls als richtige Entscheidung. Sicher wäre noch mehr zu sagen über Harald Schmidt und die Etablierung der Late Night in Deutschland. Sicher müsste ich auch auf einige schlechte Sendungen hinweisen. Sicher können meinen Ausführungen nicht immer von jedem gefolgt und zugestimmt werden. Doch ich habe diesen Text bewusst so und nicht anders geschrieben. 

Harald Schmidt setzte für mich persönlich neue Maßstäbe im deutschen Fernsehen. Dieses Kapitel wird heute Abend um 23:56 zu Ende sein. Harald Schmidt hat alle großen TV Stationen abgegangen. Die Vertragsverlängerung vor einem Jahr mit Sky und der Wechsel zu Sky vor zwei Jahren stellten die letzten überraschenden Schachzüge  von Fred Kogel und Harald Schmidt dar. 

Die Ausrede eines fehlenden Sky Abos trifft heute Abend aber auch nicht zu. Sky Deutschland strahlt die letzte Episode des Großmeisters auch auf Youtube aus. Fernsehgeschichte zum Miterleben, ob nun bei Sky oder bei Youtube. Einschalten sollten wir alle. Die großen Emotionen werden aber ausbleiben. Diese gibt es nur auf meinem Blog. 

Harald Schmidt würde es hassen. 

So ist er der König der intelligenten Unterhaltung. 

So ist Harald Schmidt, die Wanderhure des deutschen Fernsehens. 

Lasst uns zusammen zum letzen Mal die (H)arald Schmidt Show live aus dem Studio 449 in Köln erleben!

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