Mittwoch, 18. Juni 2014

Standpunktrede: Löst das Internet die Zeitung ab?

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

liebe Freundinnen und Freunde, 

Im Jahr 2043 wird die letzte Zeitung gedruckt, das sagte Philip Meyer voraus: in seinem Buch "The Vanishing Newspaper“. —Lasst mich mit einer kleinen Geschichte - ja einer Anekdote aus früheren Jahren beginnen. Wir befinden uns - so möchte ich diese Reise starten - im Jahr 1990 im bundesrepublikanischen Deutschland. Eine typische Familie müsste ihren Tag wie folgt erleben. Morgens bringt der freundliche Postbote die Zeitung nach Hause in den Briefkasten. Die Frühstückslektüre des Familienvaters wird an diesem Morgen - sofern es sich nicht um einen Sonn - oder Feiertag handelt- eine regionale oder überregionale Zeitung sein. Nach seinem Arbeitstag versammelt sich die ganze Familie vielleicht zur Tagesschau um das heimische Fernsehgerät und lässt den Tag Revue passieren. Der Sonntag oder ein Feiertag verändern die Rituale der Familie allerdings schon.  Der bekannte Bote bringt an diesen Tagen keine Zeitung. Der Frühstückstisch wird vielleicht später gedeckt. Der Fernseher eher eingeschaltet oder später, je nach Wetterlage. Wahrlich eine Geschichte aus ferner Zeit, oder ? Doch die Zeiten ändern sich. Die Zeiten ändern dich. Die Zeiten ändern uns alle. Lasst uns die gleiche Geschichte im Hier und Jetzt erzählen. Also nicht einmal 25 Jahre später. Die mustergültige Familie Müller denkt gar nicht daran auf den freundlichen Zeitungsjungen zu warten, denn eine Zeitung hat Familie Müller heute gar nicht mehr abonniert. Der junge Familienvater checkt seine Emails online am Smartphone. Die Kinder der Müllers lesen die Nachrichten online - schnell oder noch schneller in Echtzeit wahlweise sogar im Live Ticker. Familie Müller wird es herzlich egal sein, ob Sonntag Feiertag oder die Erde sich nicht mehr dreht - das Internet weiß es bereits. Ganz ohne den freundlichen Jungen mit der gedruckten Tageszeitung. Was zeigen uns diese beiden Geschichten ? Es zeigt zum einen, dass 25 Jahre unsere Gesellschaft grundlegend verändern können und zum anderen, dass sich heute kaum einer an tages - und ortsabhängige Informationsbeschaffung erinnern kann. Das Internet löst analoge Informationsquellen - wie etwa die Zeitungen - mehr und mehr ab. Ob es uns nun gefällt oder nicht. So ist das Leben. Im Jahr 2043 wird die letzte Zeitung gedruckt, das erwähnte ich bereits am Anfang meiner Rede.  Der Autor dieser Prophezeiung schrieb das schon 2004 - bevor Facebook und Twitter die Art und Weise revolutionierten, wie Menschen kommunizieren, und den Begriff der Nachricht neu definierten.Die Tageszeitungen in Deutschland werden nach Schätzungen von Wissenschaftlern bis zum Jahr 2018 rund 30 Prozent ihrer Leser an das Internet verloren haben. Zugleich werde das World Wide Web bis dahin mindestens über so viele Werbeeinnahmen verfügen wie die Printmedien. Zu diesem Ergebnis kam eine Trendstudie aus dem Jahre 2008 von der Fachhochschule Mainz. Demnach erfreut sich das Internet einer immer größeren Beliebtheit. Ein ganz wesentlicher Punkt der Studie ist zum einen die Selbstverständlichkeit der jungen Generation im Umgang mit dieser neuen Informationsquelle, aber zum anderen auch die schnelle Lernbereitschaft der älteren Generation im Umgang mit dem weltweiten Netz. Noch weitere Belege dafür ? Bitte schön! Die Zahlen sprechen für sich. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts forsa verbringen 14 bis 49 jährige täglich rund 49 Minuten im Internet. Die Nutzung von Tageszeitungen und Zeitschriften beträgt zusammen nur 37 Minuten. Der Bedeutungsverlust analoger Medien wird demnach immer deutlicher und hier sprechen wir von Zahlen aus dem Jahre 2003. Eine halbe Ewigkeit in „Internetjahren“ gerechnet. Lasst mich noch einen Schritt weiter gehen. Eine repräsentative Umfrage des Hightech Verbandes Bitkom aus dem Jahre 2012 ergab, dass das Fernsehen seinen 1. Platz in der Hitliste der Mediennutzung abgegeben hat. Und an wen ? Natürlich, an das Internet! Jugendliche verbringen jede Woche knapp 16 Stunden im Internet. Bei den Menschen über 55 sind es immerhin noch knapp 9 Stunden. Nach Allensbach-Daten wächst der Anteil der Deutschen, die für ihre tägliche Information keine Zeitung mehr benötigen, in allen Altersgruppen, besonders stark aber bei den jungen Menschen. Knapp die Hälfte der 14 bis 19 jährigen braucht für ihre Information keine Zeitung mehr.Ist das Internet damit endgültig als Leitmedium in der Gesellschaft angekommen und ist dies - konsequent weitergedacht- das Ende der Tageszeitung und der Printmedien allgemein ? Die Frage, wer von den hier versammelten Personen noch regelmäßig Zeitung liest, erspare ich mir einmal. Der durchschnittliche Zeitungsleser ist heute knapp über 50. Dazu passend erreichen uns aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten - den USA - immer wieder Meldungen, dass über 150 Jahre alte Zeitungen ihre Verlagshäuser schließen und Mitarbeiter entlassen, um nur noch online zu produzieren.Und es ist das immer gleiche Muster: Entlassungen, Sparrunden, geschlossene Auslandsbüros - erst verschwindet die Qualität, dann die Zeitung. Drei Indikatoren zeigen, wie dramatisch die Situation ist, die einen medialen und einen demographischen Wandel beschreibt. Die sinkende Auflage der Zeitungen, die rückläufigen Gewinne durch den Anzeigenerlös und das Alter der Leserschaft. Nach all den Zahlen lasst es uns ganz praktisch und nah an den Menschen beschreiben. Ich selbst bekomme meine täglichen Nachrichten aus dem Internet oder aus dem Fernsehen. Einige meiner Freunde besitzen sogar ein Tablet und nahezu jeder ein Smartphone. Die neuesten Entwicklungen bei der WM in Brasilien heute Abend oder die Ukraine Krise - alles nur wenige Klicks entfernt. Das macht es so attraktiv und so einfach. Viele Informationen an einem Ort gebündelt. Für uns alle - und im übrigen auch für den freundlichen Zeitungsjungen aus dem Jahr 1990.Aber wie sehen die Zukunftschancen beispielsweise der FAZ, der Süddeutschen, der Welt oder anderen regionalen wie überregionalen Zeitungen und Zeitschriften aus ? Fortschrittliche und zukunftsfähige Verlage und Verleger haben bereits auf den Rückgang der Auflage reagiert. Einige Zeitungshäuser bieten sogenannte Mischformen an. Ich möchte hierbei kurz auf das Handelsblatt eingehen. Die elektronische Tageszeitung erscheint analog zur gedruckten Ausgabe, jedoch etwas früher als üblicherweise. Der Onlinedienst Handelsblatt Live verbindet den analogen Lesekomfort mit fundierten Hintergrundinformationen und digitale Aktualität miteinander. Ganze 3 Ausgaben werden pro Tag auf das mobile Endgerät geliefert.  Die Vorteile aus beiden Welten - analog und digital - vereinen. Ein Konzept für die Zukunft ? Der Schlüssel zum Erfolg liegt wie so oft in der Mitte. Die gedruckte Tageszeitung kann auf die aktuellen Geschehnisse nicht schnell genug reagieren. Fundierte Informationen und hintergründige Berichte finden sich dennoch in einer Tageszeitung eher als beispielsweise bei Wikipedia. Das Internet reagiert schneller und auf nahezu jede Meldung. Die Quantität ist dementsprechend hoch, worunter nicht selten die Qualität leidet. Sollte nicht aber die Devise sein: Qualität vor Quantität ? Ein weiterer Vorteil von elektronischen Medien ist - wie schon angesprochen- die Schnelligkeit. Warum sollte ich mir die Zeitung von morgen eben erst morgen am Kiosk kaufen, wenn ich die gleiche Ausgabe bereits heute Abend lesen kann? Der Wissensvorsprung ist das eine, sinkende Kosten für den Druck werden dabei an den Endverbraucher weitergegeben. Die Umwelt dankt es uns, denn Papier wird in einer elektronischen Ausgabe bekanntermaßen sehr selten verwendet.Neben der Papierflut spielt ganz klar ein umweltökonomischer Aspekt eine Rolle. 90 Seiten gedrucktes Papier sind ineffektiv, da die Zeitung von heute morgen schon wie die Nachrichten von vorgestern aussehen. Aktuelle Informationen besitzen nun mal eine sehr kurze Halbwertszeit. Der Aspekt des Gewinns spielt dabei in unserer sozialen Marktwirtschaft eine ganz entscheidende Rolle. Die Erlöse der Anzeigenverkäufe werden bei einer geringeren Auflage - da muss man kein Prophet sein - spürbar zurückgehen. Die Verleger agieren daher nach dem Motto: Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung! Gegen sinkende Auflagen wird die Zeitung in elektronischer Version - sogenannte Epaper - installiert. Die Datei auf dem Tablet oder Smartphone erfreut sich großer Beliebtheit und hält die Auflage konstant auf einem hohen Niveau. Der aufgeklärte Mensch soll den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Sapere aude! Immanuel Kant lässt grüßen. Der Kern des Satzes gilt aber genauso für die neuen Medien und das Internet. Schnelligkeit und Aktualität sind nicht immer Konkurrent zu Qualität. Es liegt mir daher fern heute das Hohelied des digitalen Wandels und dem möglichen Sterben der Zeitungen zu singen. Nein, ganz im Sinne Kants muss auch diese Entwicklung kritisch hinterfragt werden. Und andererseits herrscht zurzeit eine große Ratlosigkeit. Manche Journalisten verteidigen Ehre und Ethos ihres Berufes. Sie behandeln Papier wie einen Fetisch und sagen: Nur was gedruckt ist, kann Journalismus oder Wahrheit oder Kritik sein. Manche Journalisten werfen sich mit übersteigertem Optimismus ins Internet und predigen und preisen die Chance und die Schönheit dieser neuen digitalen Welt. Die meisten aber haben nur Angst um ihren Job.Kurzum: Die Patentantwort auf die Frage ob Zeitung oder Internet sollte so nicht gestellt werden und mit der Antwort Zeitung UND Internet erwidert werden. Wir leben in einer Zeit des Umbruches. Dieser Umbruch kann mit der Einführung der Fließbandarbeit durch Henry Ford verglichen werden. Ab diesem Punkt wurde das Auto erschwinglicher und Arbeitsplätze rationalisiert. Dies muss einem nicht gefallen. Und tatsächlich gibt es Menschen, die sagen: Das wollen wir nicht, das gefällt uns nicht - was ein wenig so ist, wie wenn man beim Ausbruch eines Vulkans sagt: Das will ich nicht, das gefällt mir nicht. Es liegt nicht in unserer Macht. Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten, da es - glücklicherweise - genug neugierige und wissbegierige Menschen gab, gibt und geben wird. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Dieses Zitat stammt aus den Federn von Friedrich Schiller. In diesem Sinne sollten wir uns nicht vor neuen Möglichkeiten abschrecken lassen und nicht das Neue verteufeln. Der aufgeklärte Mensch reflektiert kritisch und entscheidet mit Mut und seinem eigenen Verstand. Ganz frei nach Immanuel Kant. Diesen aufgeklärten Verstand wünsche ich uns allen - im übrigen auch dem freundlichen Zeitungsboten von 1990. Vielen Dank!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen