Freitag, 12. Dezember 2014

Adventskalender: 12. Dezember 2014

Geschichte ist nicht alles, aber ohne Geschichte ist alles nichts. „It´s the economy, stupid“ Mit diesem Slogan konnte Bill Clinton 1992 der mächtigste Mann der Welt werden. Wenn dieser Slogan nun in geschichtswissenschaftlicher Weise transferiert werden darf, so kann daraus „It´s the history, stupid“ werden. Doch welche inhaltliche Tragweite steckt hinter dieser banalen englischen Aussage ? Welche Verbindungen können daraus zur Geschichtsdidaktik gezogen werden und inwieweit ist die Konzeptualisierung der Geschichtsdidaktik als Wissenschaft vom Geschichtsbewusstsein heute als sinnvoll zu erachten ? Diese Themen greift  dieser Essay auf. Zur Unterstützung und zur Beantwortung wird auf die wissenschaftliche Arbeit von Michael Sauer „ Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik“ Bezug genommen.  
Der Begriff des Geschichtsbewusstseins ist vielschichtig und umfasst eine Vielzahl von Aspekten. So hört der Umgang mit Geschichte bekanntlich nicht nach 12 Jahren Schule auf und beschränkt sich nicht ausschließlich auf werktags in der Zeit von acht bis drei Uhr nachmittags. Nein, Geschichte erleben und Geschichte bewusst wahrnehmen, lässt sich eben nicht in vorgefertigte Muster zwängen. Geschichte ist überall, Geschichte ist lebendig und jederzeit präsent. Es zeigt sich schnell, dass Schule als Institution nur einen Teil des Geschichtsbewusstseins ausmacht. Vielmehr spielen, laut Sauer, Rezeptionsvoraussetzungen wie Alter, Sozialisation und Vorkenntnisse eine wichtige Rolle. So werden Historiker geschichtliche Prozesse unter analytischen Geschichtspunkten verstehen und erfassen wollen, fachfremde Personen werden diese nur rudimentär erschließen. Hierbei ist das Alter von zentraler Bedeutung, ein 13 jähriger Jugendlicher hat andere Vorkenntnisse als Abiturienten im Geschichtsleistungskurs. Diese rein kognitiven Dissonanzen müssen im Curriculum berücksichtigt werden. Instanzen zur Geschichtsvermittlung sind neben der Schule, wie bereits erwähnt, der Rundfunk, Zeitungen oder auch Museen. In diesem Kontext muss auf den Vermittlungsmechanismus dieser Medien hingewiesen werden, welcher von Perspektivität und Selektivität geprägt ist. Diese Betrachtungsweise soll wertfrei das System beschreiben und darauf hinweisen, dass einige geschichtliche Epochen und Ereignisse stärker berücksichtigt werden als andere. Ein Beispiel hierfür ist das Doppeljubiläum 200 Jahre Völkerschlacht und 100 Jahre Völkerschlachtdenkmal Leipzig in diesem Jahr, welches seit 2012 besondere Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung finden. Die Medien, aber auch die Museen haben dabei eine Lenkungsfunktion, so Sauer weiter. Je nach Ort, Bundesland und Staat, indem Bürger Leben, werden andere Schwerpunkte thematisiert, welche sich in dem Bewusstsein der Bürger widerspiegeln. Eine Sonderstellung hat die Schule inne, welche Themen systematisch bearbeitet und diese didaktisch vermittelt. Geschichtsunterricht prägt das Geschichtsbewusstsein nachhaltig. Wird dieser Gedanke fortgeführt, so hat die Schule eine Schlüsselfunktion inne, die sich nicht nur auf Wissensvermittlung beschränkt, sondern vielmehr Werte vorlebt und näher bringt. 
Ein Bewusstsein zu schärfen, dass Geschichte kritisch hinterfragt ist in der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen von entscheidendem Vorteil, denn dadurch entwickeln sich Jugendliche zu mündigen verantwortungsbewussten Individuen. Geschichte wird im skizzierten  didaktischen Prozess von Michael Sauer als eine interdisziplinäre Wissenschaft beschrieben, die Soziologie, Politik und Ethik in eine geschichtliche Verbindung bringt. Geschichtsbewusstsein ermöglicht einen kritisch reflektierten Blick auf die Vergangenheit, welches Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft haben wird. Ein dementsprechendes Modell von Dimensionen des Geschichtsbewusstseins hat Hans - Jürgen Pandel vorgestellt. Hierbei soll vor allem auf moralisches Bewusstsein hingewiesen werden, denn es macht einen Unterschied, ob heute geltende gesellschaftliche Konventionen identisch auf frühere Epochen transferiert werden, oder ob diese eher im geschichtlichen Kontext evaluiert werden sollten. 
Das Verknüpfen von Ereignissen aus der Vergangenheit mit der gegenwärtigen Situation überzeugt an Sauers Erläuterungen. Demnach gelingt es der Geschichte und dem daraus resultierenden Bewusstsein, welches der Geschichtsunterricht in der Schule vermitteln soll, genau diese Verbindung. Dies wiederum führt zu einer verbesserten Orientierung im tagesaktuellen politischen Geschehen. Michael Sauer unterstreicht die außerordentlich wichtige Interdisziplinarität, welche für ein kritisches Hinterfragen tagespolitischer und anderer gegenwärtiger geschichtlicher Ereignisse unerlässlich erscheint. Dabei ist es Michael Sauer wichtig, dass den Schülerinnen und Schülern Kategorien erlernt werden, die sich zur Analyse geschichtlicher Prozesse als besonders hilfreich erwiesen haben. Hierbei sei beispielsweise die Unterscheidung verschiedener geschichtlicher Epochen erwähnt. Diese analytischen Kategorien können in einem Erklärungsmodell logisch miteinander verknüpft werden, sodass etwaige Analogien zwischen vergangener und gegenwärtiger Entwicklungen erkannt werden können. Diese Symbiose fördert dabei ein kritisch reflektiertes Geschichtsbewusstsein nachhaltig. Die Geschichtsdidaktik als Wissenschaft vom Geschichtsbewusstsein gibt dem Unterricht in der Schule eine Systematik, eine Ordnung, die für jüngere Jahrgänge unerlässlich erscheint. Erst mit dem Fortschreiten des Alters der Schüler ergibt sich nach und nach ein Bewusstsein für eine Methodenkompetenz im Fach. 
Michael Sauer erfasst im eingeführten Begriff Geschichtsbewusstsein die Komplexität der Geschichtsdidaktik. Seine Thesen unterstreichen dabei die Wichtigkeit des Begriffes im Hinblick auf eigenständiges kritisches Hinterfragen sowie das Erlernen von Verbindungen zwischen Geistes - und Sozialwissenschaften und der Geschichtswissenschaft als Hilfswissenschaft zu erkennen und dabei Handlungsanweisungen für sich und andere zu formulieren. In diesem Prozess spielen Identifikation mit der eigenen Nation und Quellenarbeit als Methodenkompetenz eine wichtige Rolle. Alles in allem können Michael Sauers Ausführungen als ein wichtiger Leitfaden für die Konzeptionierung der Geschichtsdidaktik als Wissenschaft des Geschichtsbewusstseins angesehen werden.  

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