Donnerstag, 10. März 2016

Essay: Was sind Think Tanks und warum können sie nützlich sein?

In modernen Gesellschaften wird die Bedeutung von naturwissenschaftlichem und technischem Wissen für die Politik immer größer. Die Natur- und Ingenieurwissenschaften haben einen zunehmenden Einfluss auf zentrale politische Aufgaben. Gleichzeitig ist der Wissensbestand für die Politik nicht mehr überschaubar und es besteht Beratungsbedarf. Die Frage, wie Wissensbestände der Politik am besten zugänglich gemacht werden können, ist nicht eindeutig zu beantworten. Eine neuere Form der Bereitstellung von Wissen sind Think Tanks. 
Dieser Essay beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Think Tanks für die Bewältigung des Klimawandels nützlich sind. Denkfabriken, wie dieser Anglizismus auch genannt wird, sind in Deutschland eher weniger verbreitet. Zum ersten Mal traten diese „Fabriken“ in den USA in Erscheinung. Prinzipiell treffen sich in solchen Zirkeln meist Wissenschaftler und Experten in dem jeweiligen Gebiet, um über den aktuellen Stand der Forschung zu diskutieren und Handlungsanweisungen für die politische Klasse zu formulieren. Im konkreten Beispiel des Klimas ist ein grenzübergreifender Dialog sehr entscheidend, da eine solch komplexe Herausforderung wie der Klimawandel nur europäisch, im weiterem Sinne nur global gelöst werden kann. 
fragegeleiteter Theoretischer Überbau im Bezug zu Think Tanks
Ganz grundsätzlich handelt es sich bei der Fragestellung um zwei verschiedene Themenbereiche. Zum einen die Funktionslogik der Politik und zum anderen die Funktionslogik der Wissenschaft. Letztere strebt ganz nach den Worten von dem griechischen Philosophen Aristoteles nach der Wahrheit. Es werden Theorien und Thesen aufgestellt und diese durch Falsifikation verworfen oder durch Verifikation bekräftigt. Die Funktionslogik der Politik ist diametral verschieden. Die Politik muss mehrheitsfähige Entscheidungen produzieren und diese umsetzen. 
Wenn nun beide Ebenen, Politik und Wissenschaft, zusammentreffen so kann dies auf unterschiedliche Weise geschehen: Durch den Dezisionismus oder die Technokratie. Beide Modelle werden im folgenden erklärt. 
Der Philosoph Jürgen Habermas lehnt diese beiden Modelle jedoch ab und bringt ein weiteres Modell für die Erklärung der Interaktion von Politik und Wissenschaft an. Er referierte über den Pragmatismus. 
Das Modell des Dezisionismus beschreibt die komplementären Pole Wissenschaft und Politik. Die Wissenschaft fungiert im besten Fall nur als Zuträger politischer Entscheidungen. Selbstverständlich macht sie auf die Ergebnisse von Forschungsprojekten aufmerksam, überlässt aber die komplette Entscheidungsgewalt der Politik. In diesem Modell dringt die Wissenschaft in die politischen Entscheidungen kaum vor. Wissenschaftler nehmen sich jedoch die Freiheit heraus, die Gesetze der politischen Gewalt anhand von rationalen Kriterien zu bewerten. 
In solch einer Vorstellung wären Think Tanks allenfalls schmückendes Beiwerk der autark handelnden politischen Gewalt. Dies wäre dann der Fall, wenn sich Klimaforscher und Experten auf dem Gebiet des Klimawandels innerhalb der Think Tanks verständigen, austauschen und diskutieren, aber die politische Gewalt auf die Ergebnisse dieser Arbeit kaum eingeht. Somit wäre die Frage nach der Wirksamkeit von Think Tanks für die Lösung des Klimawandels negativ zu beantworten.
Ein weiteres Modell ist die Technokratie. Diese Theorie geht von einem umgekehrten Verhältnis beider Bereiche aus. Die Wissenschaftler geben aufgrund von analytischen Kategorien Handlungsempfehlungen aus und benennen so die Ziele für die politischen Entscheidungsträger. Somit legt die Wissenschaft die fertigen Entscheidungen der Politik vor. Der Staat würde so also nicht mehr politisch gelenkt sondern wissenschaftlich.  Der Einfluss von Think Tanks wäre in diesem Modell enorm groß. Alle wissenschaftlichen Entscheidungen aus der Denkfabrik würden eins zu eins im politischen Entscheidungsprozess umgesetzt. 
Daher müssen auch Kriterien des wissenschaftlichen Arbeitens an die wissenschaftliche Politikberatung - und nichts anderes sind Think Tanks- angebracht werden. Die Frage nach dem höher gewichteten Einfluss ist aber erst beantwortet, wenn klare Regeln bestehen. 
In der Wissenschaft wird zwar nach Wahrheit gestrebt, jedoch ist hier immer auch ein Versuch und Irrtum Mittel zum Zweck, sodass man nie von der absoluten Wahrheit sprechen kann, wie eben auch das oberste „primus pricipalis“ der Falsifikation nur Falschheit beweist, sodass sie zwar beweisen kann, dass lediglich Schatten auf der Wand der Höhle flackern, sie nie aber den Ursprung der Erscheinung fähig ist zu blicken. Akademien, Forschungsinstitute und Universitäten müssen die Einhaltung dieser Regeln eines interaktiven sozialen Prozesses namens Wissenschaft überwachen. Getreu nach dem Motto „Was einer nur alleine weiß, ist keine Wissenschaft,“ gibt es nicht den „Experten“. Es gibt nur die Wissenschaftler, die nach wissenschaftlichen Kriterien forschen und ihre Ergebnisse transparent präsentieren. Der Experte mag das Ergebnis seiner Arbeit in wissenschaftlichen Think Tanks präsentieren, ist aber in ein größeres System Wissenschaft eingebettet. Ein Experte darf daher nie aus reiner Machtperspektive zu einem Ergebnis kommen. Dies wäre unlauter und nicht wissenschaftlich fundiert. Welcher Think Tank wird also die Forschungsberichte für die Klimapolitik liefern und wer diktiert am Ende die Politik? Diese Frage steht demnach eher im Hintergrund, da redliche Wissenschaftler nach den gleichen Regeln forschen und die Prinzipien der Wissenschaft universal anwendbar sind. 
Dennoch tritt die Widersprüchlichkeit und die Unsicherheit von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Prämisse der Politik klare Ratschläge zu geben. Die Lösung eines Problems mit globaler Dimension erhöht die Anzahl der Vetospieler und eine politische Einigung ist dadurch nahezu unmöglich. Der internationale Austausch von Wissenschaftlern führt meist zu klarerer Ergebnissen, aber auch hier können verschiedene Ansichten zu den gleichen Themen eine Einigung auf „die Wahrheit“ erschweren und den Prozess extrem verlangsamen. 
Das dritte vereinende Modell der wissenschaftlichen Politikberatung nach Habermas 
Beide Modelle sind im Sinne Habermas zu idealtypisch. Ersteres verkürzt die Expertise der Wissenschaft auf eine allenfalls kommentierende Funktion, ohne jeglichen Einfluss. Letzteres untergräbt die demokratische Legitimation gewählter Volksvertreter und erhöht die Stellung der Wissenschaft. Daher lehnte Jürgen Habermas beide Modell ab und beschäftigte sich mit Pragmatismus. 
In den von Habermas postulierten Modell werden die Schwächen der beiden vorherigen Modelle ausgeglichen. 
Durch gegenseitige Wechselwirkungsprozesse soll der Austausch zwischen Politik und Wissenschaft im Mittelpunkt stehen. Wissenschaftler stehen der Politik beratend zur Seite und Wissenschaftler nehmen Aufträge von politischen Mandatsträgern wahr. Politische Entscheidungen müssen demnach auf ihren wissenschaftlichen Beleg hin überprüft werden. Analog dazu sollten wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf ihre Tauglichkeit in der Praxis hin evaluiert werden. Idealtypisch ist hier die politische Diskussion in der Sache, die auf wissenschaftlichem Niveau geführt wird. So wird am besten auf die Problemlösung eingegangen. Auf die Eingangsfrage hin gesehen geben Politiker Studien in Auftrag, um beispielsweise die Veränderung des Meeresspiegels in Abhängigkeit zu dem Emissionsausstoß einzelner Länder zu untersuchen. Aus diesen Handlungsanweisungen seitens der Wissenschaft wird dann ein politisches Gesetz. Dieses wird dann in Abstimmung mit den Forschungsergebnissen und den Experten formuliert.  Beratende Experten können beispielsweise in einer Enquete Kommission auftreten oder innerhalb von Arbeitskreissitzungen oder Fachausschüssen zu Wort kommen. 
Art der Finanzierung
Wenn über die Nützlichkeit von Think Tanks geschrieben wird und etwaige Forschungsergebnisse diskutiert werden muss auch immer die Quelle beachtet werden. Bei universitären Think Tanks kann eine parteipolitische Unabhängigkeit durchaus unterstellt werden. Die Finanzierung wird in diesem Falle auch von der Allgemeinheit getätigt. Ein Blick auf die parteinahen Stiftungen, die auch als Think Tanks der politischen Klasse angesehen werden können, lässt ein differenziertes Urteil zu. Durch die Finanzierung und die Abhängigkeit der ihr nahestehenden Parteien kann es zu einer gezielten Einflussnahme kommen. Das Agenda Setting der einzelnen Forschungsprojekte ist meist mit dem ideologischen Weltbild der jeweiligen Partei Konkurrent. 
Somit wird ein Forschungsergebnis im Bereich Klimapolitik der Heinrich Böll Stiftung zu anderen Themen, Theorien und Empfehlungen gelangen als ein Think Tank der Konrad Adenauer Stiftung. 
Diese wissenschaftlichen Expertisen können und werden die Parteien für die eigenen politischen Weltanschauungen nutzen. Daher kann in diesem Bereich von einer Einflussnahme der Politik auf die  Wissenschaft gesprochen werden. Selbstredend ist auch, dass die jeweilige Regierungspartei andere machtpolitische Optionen besitzt als eine Oppositionspartei. 
Fazit 
In einer Welt, in der Wissen und Informationen sekündlich exponentiell wachsen, bedarf es einer Politikberatung. Die wissenschaftliche Expertise und die nötige Zeit, um sich intensiver mit komplexen Themen auseinanderzusetzen wird in einem Think Tank auf vorzügliche Weise realisiert. Ich bin der Meinung, dass beratende Elemente innerhalb des politischen Entscheidungsprozesses eine wichtige Rolle spielen. Eine Politik, die sich als beratungsresistent erweist, wird auf kurz oder lang keine Mehrheiten hinter sich vereinigen können. Ein System Wissenschaft, welches aus machtpolitischen Motiven Forschungsprojekte beschönigt und unter unwissenschaftlichen Kriterien forscht, wird die Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft verlieren. Nur wenn sich beide Bereiche ergänzen werden Think Tanks eine Bereicherung für die politische Klasse darstellen. Speziell im Bereich der Klimapolitik braucht es einen globalen Austausch von Ideen und eine wissenschaftliche Diskussion. Think Tanks bieten dazu den nötigen Raum. 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen